Aus: Alex Haley, Roots/Wurzeln, Frankfurt/Main 1990, Kapitel 119 ff

Familienforschung einmal anders - Alex Haley beschreibt in seinem Roman "Wurzeln/Roots" die Vorgehensweise zur Aufklärung der Familiengeschichte - Besuch in Archiven auf drei Kontinenten

"Jetzt, über dreißig Jahre seit meiner Kindheit, war die einzige Überlebende von jenen alten Damen, die einstmals über die Familiengeschichte auf der Veranda in Henning gesprochen hatten, die jüngste von ihnen, nämlich Cousine Georgia Anderson. Großmutter war tot, genauso wie alle anderen. Cousine Georgia, längst in ihren Achtzigern, lebte inzwischen zusammen mit ihrem Sohn Floyd Anderson und mit ihrer Tochter Bea Neely in Kansas City. Ich hatte sie seit meinen häufigen Besuchen vor ein paar Jahren nicht mehr gesehen, als ich meinem politisch engagierten Bruder George meine Hilfe anbot. Dieser kandidierte damals, nach seinem Ausscheiden aus der Luftwaffe, nach dem Besuch des Morehouse College und nach dem Studium der Rechte an der Universität von Arkansas, in einer hitzig verlaufenden Wahlkampagne für das Amt eines Senators von Kansas. Bei der nächtlichen Siegesfeier wurde darüber gescherzt, daß er seinen Wahlsieg eigentlich nur einer einzigen Person zu verdanken habe -Cousine Georgia. Ihren Sohn Floyd, der den Wahlkampf leitete, hatte sie zu wiederholten Malen vor dem Wählerpublikum die weithin anerkannte Integrität meines Bruders rühmen hören. Da war auch unsere geliebte, sehr entschlossene und energische Georgia auf die Straße gegangen. Sie hatte mit ihrem Spazierstock an die Haustüren gepocht und den überraschten Leuten ein Bild ihres Großneffen und Kandidaten mit den Worten präsentiert: "Dieser Junge hat mehr Tegritat, als ihr mit so'nem Stock rausschlagen könnt!"

Jetzt flog ich abermals nach Kansas City, um Cousine Georgia zu sehen. Ich glaube, ich werde nie ihre prompte Antwort vergessen, als ich ihr meine Idee mit dieser Familiengeschichte zu erläutern begann. Sie sah gealtert und leidend aus, aber nun richtete sie sich mit einem Ruck in ihrem Bett auf und rief aufgeregt, und das klang wie ein Widerhall aus meiner Knabenzeit auf der Veranda:

"Na klar, Junge, dieser Afrikanermensch sagte, sein Name war >Kintay<. Er sagte zur Gitarre >ko<, zum Fluß >Kamby Bolongo<, und er war gerade am Holzschneiden, um sich 'ne Trommel zu basteln, als sie ihn schnappten.

"Cousine Georgia ließ sich von der alten Familiengeschichte dermaßen erregen, daß Floyd, Bea und ich eine Zeitlang brauchten, um sie wieder zu beruhigen. Ich erklärte ihr, daß ich versuchen wollte herauszufinden, ob es möglicherweise irgendeinen Weg zur Lösung der Frage gab, woher unser Kintay gekommen war - was uns auf die Spur unseres ursprünglichen Volksstammes bringen konnte.

"Du wirst es rauskriegen, Junge", rief Cousine Georgia aus, "deine liebe Großmutter und sie alle da oben - sie werden über dir wachen."

Der Gedanke an all dies schien mir unbeschreiblich. Mein Gott!

Bald danach besuchte ich das National-Archiv in Washington D. C. und meldete bei dem Aufseher des Lesesaals mein Interesse an den Bevölkerungsstatistiken des Alamance County, Nord-CaroIina, aus der Zeit direkt nach dem Bürgerkrieg an. Viele Rollen mit Mikrofilm wurden herangeschafft. Ich begann, die Filme durch das Sichtgerät laufen zu lassen; dabei wuchs in mir zunehmend das Gefühl der Verwirrung angesichts der schier endlosen Parade der in altmodischer Schönschrift von 1800 aufgeführten Namen. Schon ermüdet, merkte ich plötzlich, wie ich immer wieder auf zwei Namen starrte: "Tom Murray, schwarz, Schmied -" und "Irene Murray, schwarz, Hausfrau -" - gefolgt von den Namen von Großmutters ältesten Schwestern - denen ich so oft auf Großmutters Veranda gelauscht hatte. "Elizabeth, sechs Jahre alt -" - das war niemand anderes als Großtante Liz! Zu der Zeit dieser Volkszählung war Großmutter ja überhaupt noch nicht geboren.

Es war nun nicht etwa so, daß ich die Erzählungen meiner Großmutter und all der anderen nicht geglaubt hatte. Meiner Großmutter nicht zu glauben war schlechthin unmöglich! Es war bloßeinfach unheimlich für mich, all diesen Namen im Archiv der U.S.-Regierung tatsächlich wieder zu begegnen.

Zu jener Zeit lebte ich in New York, aber ich kam so oft nach Washington, wie ich es einrichten konnte - ich forschte nicht nur im Nationalarchiv weiter, sondern auch in der Bibliothek des Kongresses sowie in jener "der Töchter der amerikanischen Revolution". Wo immer ich war - wenn schwarze Bibliotheksangestellte um den Gegenstand meiner Arbeit wußten, erreichten mich die von mir bestellten Dokumente in fabelhafter Geschwindigkeit. Aus verschiedenen Quellen konnte ich 1966 zumindest die wichtigsten Ereignisse der überlieferten Familiengeschichte dokumentarisch belegen. Ich würde allerlei dafür gegeben haben, wenn ich das Großmutter noch hätte sagen können - dann erinnerte ich mich an die Worte von Cousine Georgia, daß sie ja "allesamt da oben über mir wachen".

Jetzt war das Problem: Wo und wie kam ich auf die Spur dieser fremdartigen Wörter, die unser afrikanischer Vorfahr der Überlieferung nach gesprochen haben sollte? Es schien klar, daß ich so viele heutige Afrikaner wie irgend möglich würde erreichen müssen, einfach, weil in Afrika so viele verschiedene Stammesdialekte und Sprachen gesprochen werden. Da ich in New York war, tat ich, was logisch erschien: Ich begab mich ins Gebäude der Vereinten Nationen zur Zeit des Arbeitsschlusses. Die Aufzüge spien Leute aus, die schnurstracks durch die Eingangshalle hinaus und nach Hause drängten. Es war nicht schwer, die Afrikaner herauszufinden, und jeden, den ich erwischen konnte, behelligte ich mit meinen Wortbrocken. Innerhalb von ein paar Wochen muß ich mehr als zwei Dutzend Afrikaner angehalten haben. Jeder von ihnen guckte mich schnell an, hörte mir zu - und verschwand.

Zunehmend frustriert, hatte ich ein langes Gespräch mit George Sims, mit dem ich zusammen in Henning aufgewachsen war, einem wahren Meisterdetektiv. Nach wenigen Tagen brachte mir George eine Liste von ungefähr einem Dutzend in der Universitätswelt bekannten Linguisten für afrikanische Sprachen. Einer von ihnen, dessen wissenschaftlicher Background mich schnell überzeugte, war der Belgier Dr. Jan Vansina. Nach dem Studium an der Londoner Universität, speziell der afrikanischen und orientalischen Sprachen, hatte er zunächst in Afrika gelebt und ein Buch "mündliche Überlieferung" verfaßt. Ich telefonierte mit Dr. Vansina, der inzwischen an der Universität von Wisconsin lehrte, und wir vereinbarten ein Treffen. An einem Mittwochvormittag flog ich nach Madison, Wisconsin, einzig und allein motiviert von meiner starken Neugierde auf ein paar fremdartige Wörter - und ohne im entferntesten ahnen zu können, was nun zu geschehen begann ...

An diesem Abend saßen wir im Wohnzimmer der Vansinas, und ich zählte ihm jede Silbe auf, an die ich mich aus den Familienberichten meiner Jugend erinnern konme - jüngst unterstützt von Cousine Georgia in Kansas City. Dr. Vansina hörte mir durchaus gespannt zu, dann begann er, seine Fragen zu stellen. Als Experte für mündlich überlieferte Geschichte war er besonders interessiert an der Art der äußerlichen Bedingungen der Wiedergabe der Erzählung über die Generationen hinweg.

Wir unterhielten uns so lange, daß er mich einlud, die Nacht in seinem Haus zu verbringen. Am nächsten Morgen sagte Dr. Vansina: "Ich wollte es erstmal überschlafen. Die Veränderung der Laute im Laufe der Generationen in Ihrer Familie kann nämlich ganz erheblich sein."

Er sagte, er habe inzwischen mit einem Kollegen telefoniert, dem Afrikanisten Dr. Philip Curtin. Sie beide seien sicher, daß die ihm von mir überlieferten Begriffe aus der "Mandinka"-Sprache stammen müßten. Dieses Wort habe ich nie zuvor gehört. Er klärte mich darüber auf, daß diese Sprache von dem Volk der Mandingos gesprochen werde. Dann übersetzte er versuchsweise einige von den Begriffen. Einer von ihnen bedeutete wahrscheinlich Kuh oder Vieh: ein anderer den in Westafrika heimischen Baobab-Baum. Das Wort "fco" - meinte er - konnte "kora" entsprechen, einem der ältesten Saiteninstrumente des Mandingo-Volkes, hergestellt aus einer getrockneten, ausgehöhlten Kürbishälfte, die mit Ziegenhaut bespannt und mit einem langen Steg und zweiundzwanzig Saiten mitsamt einem Spannstück versehen wird. Ein in die Sklaverei entführter Mandingo würde die "kora" wohl mit jenen Saiteninstrumenten verglichen haben können, die die amerikanischen Sklaven spielten.

Der wichtigste Begriff, den ich gehört und nun mitgebracht hatte, war "Kamby Bolongo" - wie mein Vorfahr in Gegenwart seiner Tochter Kizzy gesagt hatte, als er ihr den Mattaponi River in Spotsylvania County zeigte. Dr. Vansina meinte, es stehe außer Zweifel, daß "Wongo" in der Mandinka-Sprache "Fluß" bedeute. Mit dem Präfix "Kamby" davor könne das auf den "Gambia-Fluß" hindeuten.

Auch von ihm hatte ich nie zuvor gehört.

Dann geschah etwas, das mich darin bestärkte - zumal noch mehr solche seltsamen Dinge geschahen -, daß "die da oben" tatsächlich über mir wachten ...

Ich wurde nämlich gebeten, am Utica College, Utica, New York, im Rahmen eines Seminars einen Vortrag zu halten. Als ich zusammen mit dem Professor, der mich eingeladen hatte, den Flur entlangging, erzählte ich ihm, daß ich gerade von Washington hergeflogen und warum ich dort gewesen sei. "Gambia? Wenn ich nicht irre, hat irgendjemand kürzlich erwähnt, daß ein übrigens hervorragender Student aus diesem Land sich gerade in Hamilton aufhält.

"Das alte, sehr renommierte Hamilton College lag nur eine halbe Autostunde entfernt, in Clinton, New York. Noch bevor ich dort meine Fragen präzisiert hatte, erwiderte mir ein Professor Charles Todd: "Sie reden von Ebou Manga." Dann studierte er die Vorlesungsliste und sagte mir, daß ich Ebou Manga in einem Kurs über Landwirtschaftsökonomie finden würde. Ebou Manga war von kleiner Statur mit wachen Augen und zurückhaltenden Manieren - und er war rabenschwarz. Sichtlich erstaunt darüber, von mir solche Laute zu hören, bestätigte er sie nicht ohne vorsichtige Prüfung. War Mandinka seine Muttersprache?

"Nein, das nicht, obwohl sie mir nicht unvertraut ist." Er sei ein Wolof, sagte er. Im Zimmer seines Studentenwohnheims teilte ich ihm Näheres über meine Fragen mit. Schon am Ende der folgenden Woche reisten wir zusammen nach Gambia. Nach der Ankunft in Dakar, Senegal, am nächsten Morgen, nahmen wir eine kleinere Maschine, die uns zu dem winzigen Flughafen von Yundum in Gambia brachte.

Im Bus fuhren wir dann in die Hauptstadt Banjul, früher Bathurst. Ebou und sein Vater, Hadschi Manga - die Bevölkerung von Gambia besteht überwiegend aus Moslems - riefen eine kleine Gruppe von Leuten zusammen, die sich in der Geschichte ihres kleinen Landes auskannten. Wir trafen uns in der Halle des Atlantic Hotel. So wie vorher Dr. Vansina in Wisconsin, erzählte ich nun diesen Männern die Familiengeschichte, wie sie über die Generationen überliefert war. Ich erzählte sie rückwärts, von Großmutter her, über Tom, Hühner-George bis zu Kizzy, und daß sie erwähnte, ihr Vater habe gegenüber den anderen Sklaven darauf bestanden, sein Name sei "Kintay", und wie er ihr zu wiederholten Malen verschiedene Gegenstände in seiner Sprache bezeichnet hatte.

Als ich geendet hatte, sagten sie beinahe belustigt: "Natürlich, "Kamby Bolongo" bedeutet "Gambia-Fluß", das weiß jedes Kind."

Ich erwiderte aufgeregt: "Nein, eine ganze Menge Leute weiß das eben nicht!" Erheblich größeres Interesse zeigten sie daran, daß mein Vorfahr von 1760 erklärt habe, er heiße "Kintay". "Die ältesten Orte in unserem Land sind in der Regel nach den Familien benannt, die diese Plätze vor Jahrhunderten besiedelt haben", sagten sie. Man ließ eine Karte kommen und zeigte mir einen Ort: "Bitte, das hier ist das Dorf Kinte-Kundah. Und nicht weit davon entfernt ein Dorfnamens Kinte-Kundah-Janneb-Ya. "Dann erfuhr ich etwas, wovon ich mir niemals hätte träumen lassen: Da gab es sehr alte Männer - man nannte sie "griots" - die man übrigens noch heute in den abgelegenen Teilen des Hinterlandes finden konnte. Und diese Männer waren tatsächlich so etwas wie wandelnde, leibhaftige Chroniken mündlich überlieferter Geschichte. Gewöhnlich war ein Senior-griot ein Mann Ende sechzig, Anfang siebzig. Rangmäßig unter ihm standen, altersmäßig abgestuft, jüngere griots - bis hin zu einer Art von Lehrlingen. Normalerweise brauchte so ein Lehrling vierzig bis fünfzig Jahre, bevor er die Qualifikation eines Senior-griots erreichte, der dann bei gewissen Anlässen die oft jahrhundertealte Geschichte von Orten, Stämmen, von Familien oder großen Helden zu erzählen pflegte. Durch ganz Schwarzafrika waren solche mündlich überlieferten Chroniken seit Urväterzeiten weitergegeben worden, wie man mich informierte. Und es gab einige berühmte griots, die Ausschnitte aus der afrikanischen Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes mehr als drei Tage lang erzählen konnten, ohne sich jemals zu wiederholen.

Als diese gambischen Männer mein Erstaunen sahen, erinnerten sie mich daran, daß der Stammbaum jedes Menschen bis in eine Zeit zurückreicht, in der es noch keine Schrift gab. Damals konnten nur das menschliche Gedächtnis sowie Mund und Ohren Information und Wissen aufbewahren und weitergeben. Man hielt mir vor, wir Menschen westlicher Kultur seien so abhängig von der "Krücke des schriftlich fixierten Wortes", daß nur wenige von uns tatsächlich wüßten, wie aufnahmefähig ein geübtes Gedächtnis ist.

Weil mein Vorfahr sich "Kintay" nannte - korrekt buchstabiert "Kinte", wie man mir sagte - und weil der Clan der Kinte alt und wohlbekannt in Gambia war, versprach man mir, alles Mögliche zu unternehmen, um einen griot zu finden, der meine Nachforschungen würde unterstützen können.

Zurück in den Vereinigten Staaten, begann ich wie besessen Bücher über afrikanische Geschichte zu studieren, um meine Unwissenheit über den zweitgrößten Kontinent zu überwinden. Es bringt mich bis zum heutigen Tag in Verlegenheit, daß bis dahin meine Vorstellungen von Afrika von Tarzan-Filmen geprägt waren und daß das wenige an wirklicher Kenntnis von dem gelegentlichen Durchblättern des Magazins National Geographic herrührte. Jetzt plötzlich las ich nicht nur den ganzen Tag, sondern ich saß oft auch noch nachts über Landkarten von Afrika, um mir die verschiedenen Länder und die Hauptwasserstraßen, auf denen Sklavenschiffe verkehrt hatten, genau ins Gedächtnis einzuprägen.

Nach ein paar Wochen traf ein Brief aus Gambia ein. Darin schlug man mir vor, wenn irgend möglich zurückzukommen. Aber inzwischen war ich vollkommen pleite, weil ich einfach zu wenig Zeit zum Schreiben gehabt hatte.

Vor längerer Zeit hatte mir auf einer Gartenparty von Reader's Digest die Mitbegründerin Mrs. Dewit Wallace allerlei Komplimente über meine Erzählung "Ein unvergeßlicher Charakter" gemacht - über einen zähen alten Seebären, der einst als Schiffskoch mein Vorgesetzter bei der U.S.-Küstenwache gewesen war -, und bevor wir uns voneinander verabschiedeten, hatte mir Mrs. Wallace angeboten, ich solle mich an sie wenden, wann immer ich Hilfe nötig hätte.

Nun schrieb ich Mrs. Wallace einen ziemlich verlegenen Brief, in dem ich ihr kurz die Zwangslage darstellte, in die ich durch meine Nachforschungen geraten war. Sie veranlaßte einige Redakteure, sich mit mir zu treffen und mein Projekt zu prüfen. Und jetzt, bei einem Mittagessen mit ihnen, erzählte ich ohne Unterbrechung fast drei Stunden lang davon. Kurz danach wurde mir brieflich mitgeteilt, daß Reader's Digest mir dreihundert Dollar pro Monat für die Dauer eines Jahres zahlen und darüber hinaus - was für mich enorm wichtig war - die Erstattung von notwendigen Reisekosten in vernünftigem Ausmaß tragen wolle.

Abermals besuchte ich Cousine Georgia in Kansas City - etwas in mir drängte mich zu dieser Reise, und ich fand sie ziemlich krank. Aber sie war fasziniert von dem, was ich bisher erfahren hatte und was ich noch hoffte, ausfindig machen zu können. Dann sagte sie mir Lebewohl, und ich flog wieder nach Afrika.

Dieselben Männer, mit denen ich vorher verhandelt hatte, teilten mir jetzt wie eine fast selbstverständliche Tatsache mit, daß sie Umfragen im Hinterland veranlaßt und einen griot gefunden hatten, der in der Geschichte des Kinte-Clans bewandert war - sein Name, wie man mir sagte, lautete "Kebba Kanji Fofana".
Ich war begeistert:
"Und wo ist er?"
Man schaute mich verwundert an: "Natürlich in seinem Heimatdorf." Erst langsam wurde mir bewußt, daß ich, falls ich tatsächlich diesen griot kennenlernen wollte, eine richtige kleine Expedition würde unternehmen müssen - so kam es mir jedenfalls vor, und ich gestehe, daß ich an so etwas vor meiner Abreise kaum zu denken gewagt hätte.

Ich brauchte drei Tage für die Verhandlungen in einem schier endlosen und ungewohnten Palaver, bis ich endlich ein Motorboot gemietet hatte, das mich stromaufwärts bringen sollte, sowie einen Lastwagen und einen Landrover, um die Ausrüstung auf einem umständlichen Landweg heranzuschaffen. Schließlich belief sich die Zahl der angeheuerten Männer auf vierzehn, darunter drei Dolmetscher und vier Musikanten, denn man hatte mir versichert, diese alten griots im Hinterland pflegten nicht ohne musikalische Untermalung vorzutragen. Auf dem Motorboot "Baddibu", das sich stampfend den weiten, schnellen "Kamby Bolongo" hinaufarbeitete, fühlte ich mich unbehaglich und auf eigenartige Weise fehl am Platz. Betrachteten mich nicht alle Leute als einen von diesen tropenhelmbewehrten Fremden?

Schließlich lag vor uns James-Island, für zwei Jahrhunderte der Sitz einer Festung, um die England und Frankreich mit wechselndem Erfolg Krieg geführt hatten, da sie ein idealer Standort für den Sklavenhandel war.

Ich ließ die Fahrt kurz unterbrechen. Dann kletterte ich mühsam zwischen den verfallenen Mauern herum, die immer noch von einer gespensterhaft wirkenden alten Kanone bewacht wurden. Ich malte mir im Geist all die Scheußlichkeiten aus, die sich hier ereignet hatten, ja, ich fühlte nicht übel Lust, mit einer Axt auf dieses Stuck schwarzafrikanischer Geschichte einzuschlagen. Ohne Erfolg suchte ich für mich persönlich irgendein symbolisches Überbleibsel, vielleicht den Rest einer alten Kette zu finden - statt dessen nahm ich ein Stückchen Mörtel und einen Ziegelstein mit. In den folgenden Minuten, bevor ich an Bord der "Baddibu" zurückkehrte, schaute ich stromauf- und -abwärts auf diesen Fluß, von dem mein Vorfahr seiner Tochter im fernen Spotsylvania County, Virginia, auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans erzählt hatte.

Dann fuhren wir weiter, bis wir in einem kleinen Ort namens Albreda anlangten. Dort landeten wir und gingen nun zu Fuß zu unserem Bestimmungsort, dem noch kleineren Dorf Juffure, wo dieser griot, wie man mir berichtet hatte, lebte.

Es gibt einen Ausdruck für das, was in seiner Einzigartigkeit im ganzen Leben nicht wiederholbar ist - "das Gipfel-Erlebnis". Für mich wurde es Wirklichkeit an diesem ersten Tag im Hinterland im schwarzen Westafrika.

Als wir in Sichtweite von Juffure angekommen waren, schlugen die draußen spielenden Kinder Alarm, und die Leute strömten scharenweise aus ihren Hütten. Juffure ist ein Dorf mit höchstens siebzig Einwohnern. Wie die meisten dieser abgelegenen Orte, befindet es sich noch fast im gleichen Zustand wie vor zweihundert Jahren, mit seinen runden Lehmhütten und den kegelförmigen Strohdächern. Unter den Menschen, die sich da versammelten, stand ein kleiner Mann in einem gelblichen Rock, Über dem adlerartig geschnittenen Gesicht einen kastenförmigen Hut. Um sich verbreitete er die Aura einer bedeutenden Persönlichkeit, bis ich erkannte, daß genau er derjenige war, den zu sehen und zu hören wir überhaupt hierhergekommen waren.

Als sich die drei Dolmetscher aus unserer Gruppe lösten und auf ihn zugingen, versammelten sich die anderen siebzig Dorfbewohner einer nach dem anderen um mich, bis sie mich, fast hufeisenförmig, in Reihen von dreien und vieren, umgaben. Ich hatte nur meine Arme auszustrecken brauchen, um mit meinen Fingern die nächsten auf jeder Seite zu berühren. Alle starrten mich an, ihre Augen durchbohrten mich förmlich. Die Stirn jedes einzelnen furchte sich, so eindringlich musterten sie mich. Eine tiefe innere Erregung erfaßte mich. Ich war verwirrt, und erst nach einer ganzen Weile traf mich die Erkenntnis: Nie und nirgends war ich unter Menschen gewesen, die so tiefschwarz waren.

Äußerst bewegt schlug ich die Augen nieder, wie wir zu tun pflegen, wenn wir unsicher oder schuldbewußt sind, und mein Blick fiel auf meine eigenen Hände und nahm ihre Hautfarbe wahr: Es war wie ein Schock: Ich fühlte mich selbst - als eine Art Bastard .. . Ich fühlte mich irgendwie unrein - unter den Reinen. Es war ein zutiefst beschämendes Gefühl. Gerade in dem Augenblick beendete der alte Mann die Unterredung mit den Dolmetschern, und sofort ließen die Leute auch von mir ab, um sich jetzt um ihn zu scharen.

Einer der Dolmetscher eilte zu mir und flüsterte mir ins Ohr:
"Sie starren Sie so an, weil sie hier noch niemals einen schwarzen Amerikaner gesehen haben."

Als ich den Sinn dieser Worte begriff, erschütterte mich dies wohl noch mehr als das, was gerade eben geschehen war. Sie sahen mich also nicht als Individuum an, vielmehr verkörperte ich in ihren Augen wie ein Symbol jene 25 Millionen von uns schwarzen Menschen, die sie nie zuvor gesehen hatten, die jenseits des Meeres leben.

Die Leute drängten sich enger um den alten Mann und warfen zwischendurch immer wieder rasche Blicke auf mich, während sie lebhaft in ihrer Mandinka-Sprache miteinander redeten. Nach einiger Zeit wandte sich der alte Mann um und bahnte sich einen Weg durch die Menge, vorbei an meinen Dolmetschern, den Weg direkt zu mir hin. Seine Augen suchten die meinen, als wollte er mir bezeigen, ich mußte einfach seine Sprache verstehen. Dann drückte er das aus, was sie alle über diese nie gesehenen Millionen von uns denken mochten, die jetzt dort leben, wohin einst die Sklavenschiffe gefahren waren - und so lautete die Übersetzung: "Wir wissen von unseren Vorvätern, daß es viele aus dieser Gegend gibt, die jetzt im Exil in jenem Land leben, das Amerika genannt wird - und an anderen Orten." Der alte Mann hockte sich nieder und schaute mich an, während sich die Leute schnell hinter ihm gruppierten. Dann fing er an, die uralte Geschichte des Clans der Kinte vorzutragen, so wie sie über die Jahrhunderte hinweg aus der Zeit der Ahnen mündlich bis zu ihm überliefert worden war. Es war kein Vortrag im unterhaltenden Sinne, sondern eher so, als werde von einer Schriftrolle abgelesen. Für die in Stillschweigen verharrenden Dorfbewohner war es sichtlich ein festliches Ereignis. Der griot beugte sich beim Sprechen weit vor, sein Körper war angespannt, und seine Worte schienen beinahe leibhaftig greifbar. Nach ein oder zwei Sätzen lehnte er sich leicht zurück und lauschte der Übersetzung eines der Dolmetscher. Aus dem Gedächtnis des griot erwuchs nun eine unglaublich weitverzweigte Ahnenreihe des Kinte-Clans, die viele Generationen zurückreichte: Wer wen heiratete; wer welche Kinder hatte; welches Kind dann wen heiratete; danach deren Abkömmlinge. Es war nachgerade unglaublich. Ich war nicht nur von der Fülle der Einzelheiten fasziniert, sondern auch von dem fast biblischen Stil des Vortragenden - zum Beispiel: "Und der und der nahm zum Weibe die und die, und zeugte ---und zeugte ---und zeugte ---" Danach nannte er die Ehefrau oder mitunter mehrere Frauen jedes Abkömmlings und ihre im Durchschnitt zahlreiche Nachkommenschaft - und immer so weiter.

Die Zeit bestimmte der griot nach Ereignissen, wie etwa: "-im Jahr des großen Wassers -", also einer Flutkatastrophe, "erschlug er einen Wasserbüffel". Wollte man das präzise Kalenderdatum wissen, mußte man herausfinden, wann diese bestimmte Flut stattgefunden hatte. Um das für mich Wesentliche dieser stammbaumhaften Saga zusammenzufassen, sagte der griot, daß der Kinte-Clan ursprünglich aus einem Land genannt Alt-Mali stammte. Damals waren die Männer dieser Familie traditionsgemäß Schmiede, "die das Feuer gezähmt hatten", und die Frauen vorwiegend Töpferinnen oder Weberinnen. Mit der Zeit wanderte ein Zweig des Clans in ein Land genannt Mauretanien. Von Mauretanien aus reiste ein Sohn der Familie mit Namen Kairaba Kunta Kinte - ein marabout, also ein Heiliger nach ihrem islamischen Glauben - in ein Land genannt Gambia. Zuerst kam er in ein Dorf mit Namen Pakali N'Ding, blieb dort eine Zeitlang, zog dann weiter in einen Ort namens Jiffarong, bis er in das Dorf Juffure übersiedelte.

In Juffure nahm Kairaba Kunta Kinte seine erste Frau, ein Mandinka-Mädchen namens Sireng. Mit ihr zeugte er zwei Söhne, die Janneh und Saloum hießen. Dann heiratete er eine zweite Frau, Yaisa, mit der er einen Sohn namens Omoro zeugte. Diese drei Söhne wuchsen in Juffure auf, bis sie erwachsen waren. Danach zogen die beiden älteren, Janneh und Saloum, fort und gründeten ein neues Dorf Kinte-Kundah Janneb-Ya. Der jüngste Sohn Omoro blieb in Juffure, bis er dreißig Regen zählte - also Jahre -, dann heiratete er ein Mandinka-Mädchen namens Binta Kebba. Zusammen mit Binta Kebba zeugte Omoro Kinte in den Jahren zwischen 1750 und 1760 vier Söhne, deren Namen, in der Reihenfolge ihrer Geburt Kunta, Lamin, Suwadu und Madi lauteten.

Der alte griot hatte bis dahin beinahe zwei Stunden lang gesprochen, und vielleicht an die fünfzigmal war in seinem Bericht irgendeine besondere Einzelheit vorgekommen. Nachdem er nun diese vier Söhne aufgezählt hatte, erwähnte er wieder eine Einzelheit, und der Dolmetscher übersetzte:
"Zu der Zeit, als des Königs Soldaten erschienen " -wieder eine der zeitbestimmenden Bezugnahmen -, "begab sich der älteste dieser vier Söhne, Kunta, von seinem Dorf hinweg, um Holz zu schlagen . . . und ward nicht mehr gesehen . . ." Und der griot fuhr fort mit seinem Bericht.

Ich saß da wie versteinert. Mein Blut schien zu erstarren. Dieser Mann, der sein Leben in diesem schwarzafrikanischen Dorf verbracht hatte, konnte um keinen Preis der Welt wissen, daß er gerade eben das wiederholt hatte, was mir während meiner Jugendzeit auf der Veranda meiner Großmutter in Henning, Tennessee, so vertraut geworden war - von einem Afrikaner, der immer darauf bestanden hatte, sein Name sei "Kin-tay", der eine Gitarre "ko" und einen Fluß in Virginia "Kamby Bolongo" genannt hatte und der in die Sklaverei entführt worden war, unweit seines Heimatdorfes, als er Holz schnitt, um sich eine Trommel zu machen.

Ich holte aus meiner Leinentasche mein Notizbuch hervor, dessen Anfangsseiten Großmutters Bericht enthielten, den ich nun einem Dolmetscher zeigte. Er überlas kurz, nicht ohne Überraschung, und unterrichtete dann den alten griot, während er immer wieder auf das Büchlein hindeutete. Der sprang sichtlich erregt auf, redete auf die Leute ein und zeigte auf mein Notizbuch in der Hand des Dolmetschers. Staunen ergriff nun alle Anwesenden. Ich kann mich nicht entsinnen, daß irgend jemand einen Wink gegeben hatte, ich weiß nur, daß auf einmal alle diese siebzig fremden Menschen einen weiten Kreis um mich bildeten; sie begannen zu singen, erst leise, dann lauter und abermals leise, und sie bewegten sich in der Runde, ihre Körper ganz eng beieinander, sie hoben ihre Knie und stampften auf den Boden, wobei leichter, rötlicher Staub aufwirbelte. . .

Eine Frau scherte aus dem sich drehenden Kreise aus - eine von etwa einem Dutzend, die ihre Kleinkinder auf den Rücken gebunden trugen - kam auffordernd auf mich zu, immer mit den nackten Füßen auf dem Boden stampfend, holte ihr Kind aus dem Umschlag und warf es mir mit einer Geste zu, die nur bedeuten konnte: "Nimm es!" - und so tat ich und hielt das Baby. Dann nahm die Frau das Kind schnell wieder fort, und eine andere Frau tat das gleiche, was sie getan hatte, gab mir ihr Kind, nahm es zurück, und so eine nach der anderen ... bis ich wahrscheinlich alle Babys umarmt hatte.

Der Sinn dieser feierlichen Handlung ging mir erst über ein Jahr später auf, als ein Professor von der Harvard-Universität, Dr. Jerome Bruner, ein Sachverständiger in diesen Dingen, mir erklärte:
"Sie haben gar nicht gemerkt, daß Sie da an einer der ältesten Zeremonien der Menschheit teilgenommen haben - dem Handauflegen. Auf ihre Weise wollten sie Ihnen ausdrücken: Durch dieses Fleisch, das von uns stammt, sind wir du, und du bist wir." Später nahmen mich die Männer von Juffure mit in ihre aus Bambus und Stroh erbaute Moschee, und sie beteten auf arabisch. Ich erinnere mich, woran ich gedacht habe, als ich da mit ihnen zusammen niederkniete:
"Nun weiß ich zwar, woher ich stamme - kann aber kein einziges Won von dem verstehen, was sie sprechen." Später wurde mir der Kern ihres Gebetes übersetzt: "Lob sei Allah, denn einen lange Verlorenen aus unserer Mitte hat er zurück geführt.

"Da wir auf dem Fluß hergekommen waren, wollte ich zu Lande zurückkehren. Als ich dann neben dem muskulösen jungen Mandingo-Fahrer saß, der wahre Wolken von Staub auf der heißen, mit Schlaglöchern übersäten Provinzstraße nach Banjul hinter uns aufwirbeln ließ, kam mir plötzlich zu Bewußtsein: Wenn jeder schwarze Amerikaner so glücklich wäre wie ich, nur ein paar geringe Hinweise zu besitzen -genauer gesagt: den Namen des afrikanischen Vorfahren, väterlicher- oder mütterlicherseits, den ungefähren Heimatort oder den seiner Gefangennahme und schließlich einen Hinweis auf den möglichen Zeitpunkt dieses Ereignisses -, dann konnte er mit Hilfe eines weisen alten griot, so wie ich, Familiengeschichte und lokale Zusammenhänge von einst mit der Gegenwart verbinden. Vor meinem inneren Auge begannen sich die Beschreibungen, die ich über die kollektive Verschleppung all der Millionen unserer Vorfahren in die Sklaverei gelesen hatte, visionenhaft zu beleben -wie eine verschwommene Projektion auf der Leinwand. Viele tausend waren einzeln entführt worden, so wie mein Ahne Kunta. Aber Millionen mochten in der Nacht in überfallenen Dörfern, die oft in Flammen aufgingen, aufgeschreckt worden sein. Die Überlebenden und für Sklavendienste tauglichen und brauchbaren Gefangenen wurden am Hals mit Riemen aneinander gefesselt und zu Reihen mitunter bis zu einer Meile Länge zusammengeschlossen. Diese traurige Prozession nannte man den "Sklavenreigen".

Ich sah sie vor mir, wie sie scharenweise starben oder einfach liegengelassen wurden, wenn sie zu schwach waren, den mörderischen Marsch bis zur Küste hin zu überstehen. Und diejenigen, die es bis zum Strand geschafft hatten, rieb man mit Fett ein, schor sie kahl, untersuchte jede ihrer Körperöffnungen, und oftmals brandmarkte man sie mit glühendem Eisen wie Vieh. Ich stellte mir vor, wie sie zu den Schiffen gepeitscht und geschleift wurden, wie sieverzweifelt schrien und ihre Hände in den Boden krallten, um mit einem Mundvoll Sand eine letzte Erinnerung an dieses Afrika, das ihre Heimat war, aufzunehmen. Ich ahnte, wie sie gestoßen, geschlagen und in die stinkenden Frachträume dieser Sklavenschiffe gezerrt wurden, wo sie, an die Planken gekettet, dicht nebeneinander gepackt auf der Seite liegen mußten.

All das wirbelte durch meinen Kopf, als wir uns einer anderen, wesentlich größeren Ortschaft näherten. Die Nachricht von dem, was in Juffure geschehen war, mußte schneller vorangekommen sein als wir selbst. Der Fahrer mußte das Tempo verlangsamen, da die Einwohner dieses Dorfes sich vor uns auf den Weg drängten. Sie winkten und riefen durcheinander, ich erhob mich von meinem Sitz im Wagen und winkte zurück, während sie dem Landrover nur ungern eine schmale Gasse zu öffnen schienen .

Wir mochten wohl ein Drittel des Weges durch den Ort zurückgelegt haben, als ich auf einmal begriff, was sie da allesamt riefen - die alten, verhutzelten Männer genauso wie die jungen, die Mutter wie ihre nackten, pechschwarzen Kinder -, sie riefen: "Miiister Kinte! Miiister Kinte!" Nun kam doch irgendwie ein Schluchzen in mir hoch, es wogte durch meinen ganzen Körper, bis ich meine Hände vor das Gesicht schlug; ich fing an, laut zu weinen, wie ich es nicht mehr getan hatte seit meiner Kinderzeit. "Miiister Kinte!" Mir war, als müsse ich um die im Laufe der Geschichte den Mitmenschen zugefügten unglaublichen Grausamkeiten weinen - wahrlich, ein ungeheurer Makel auf dem Gewissen der Menschheit...

Während des Rückflugs von Dakar entschloß ich mich, ein Buch zu schreiben. Die Geschichte meiner eigenen Vorfahren würde zugleich auch symbolisch die Saga aller Mitbürger afrikanischer Herkunft sein, die ohne Ausnahme ihren Ursprung irgendeinem, in einem afrikanischen Dorf geborenen und aufgewachsenen Menschen wie Kunta verdankten, der gefangen und in Ketten auf einem Sklavenschiff über den Ozean gebracht wurde, für ein Leben auf irgendwelchen Pflanzungen und seitdem für den fortwährenden Kampf um die Freiheit.

In New York fand ich unter den aufgezeichneten Telefonanrufen auch einen aus dem Kansas City Hospital vor: Unsere dreiundachtzigjährige Cousine Georgia war gestorben. Später, als ich den Zeitunterschied nachrechnete, kam ich zu dem Schluß, daß sie genau zur gleichen Stunde gestorben sein mußte, in der ich Juffure betreten hatte. Ich denke, daß sie als letzte von den alten Damen auf Großmutters Veranda irgendwie den Auftrag hatte, mich nach Afrika zu schicken, um sich dann mit den anderen, die dort über mir wachten, zu vereinen.

Tatsächlich scheint es mir, als habe sich seit meiner frühen Knabenzeit eine Folge aufeinander bezogener Ereignisse schließlich zusammengefügt, um dieses Buch entstehen zu lassen. Großmutter und die anderen prägten mir die Familiengeschichte ein. Dann, durch eine wahrhaft glückliche Fügung von Umständen, begann ich als Koch auf einem Schiff der U.S.-Küstenwache mit dem langen und an Umwegen reichen Prozeß, mir selbst das Schreiben beizubringen. Und weil ich das Meer lieben gelernt hatte, handelten meine frühen Schreibversuche von dramatischen Abenteuern zur See, die ich aus vergilbten alten Marineberichten in den Archiven der U.S.-Küstenwache gesammelt hatte. Ich hatte keine bessere Ausbildung erhalten können, um gerade den marinehistorischen Herausforderungen, die dieses Buch an mich noch stellen würde, gewachsen zu sein. Immer wieder hatten Großmutter und die anderen alten Damen bekräftigt, daß der Afrikaner mit dem Schiff "irgendwohin an einen Ort namens Naplis" gebracht worden war. Damit konnten sie nur Annapolis in Maryland meinen. So war mir klar, daß ich nun würde herausfinden müssen, welches Schiff mit seiner menschlichen Fracht, darunter dem "Afrikaner", der später darauf bestanden hatte, "Kintay" zu heißen, nachdem sein Herr John Waller ihn "Toby" genannt hatte, vom Gambia-Fluß nach Annapolis gesegelt war.

Zunächst mußte ich ungefähr die Zeit bestimmen, um die Suche nach diesem Schiff einigermaßen einzugrenzen. Monate vorher, in Juffure, hatte der griot als Zeitpunkt von Kunta Kintes Gefangennahme jenen angegeben, "da die Soldaten des Königs gekommen waren".

Nach London zurückgekehrt, studierte ich bereits die zweite Woche Berichte über Marschbefehle für britische Militäreinheiten während der sechziger Jahre des 18.Jahrhunderts,alsich endlich einer Notiz entnahm, daß die erwähnten "Soldaten des Königs" einer hier als "Colonel 0'HaresTruppe" bezeichneten Einheit angehören mußten. Dieses Kontingent war 1767 von London entsandt worden, um die damals von Briten besetzte Sklavenfestung Fort James im Gambia-Fluß zu schützen. Die Angaben des griot waren so genau gewesen, daß ich mich hinterher fast ein wenig schämte, sie überprüft zu haben.

Dann besuchte ich Lloyds in London. Im Büro eines Abteilungsleiters namens Mr. R. C. E. Landers sprudelte einfach aus mir heraus, was ich da versuchen wollte herauszubekommen. Er verließ seinen Platz hinter dem Schreibtisch und sagte:
"Junger Mann, selbstverständlich wird Lloyds Ihnen jede nur denkbare Unterstützung zuteil werden lassen!"

Durch Lloyds' Vermittlung begannen sich nun für meine Nachforschungen die Türen zu den abertausenden alter englischer Marineakten zu öffnen.

Ich kann mich an nichts Ermüdenderes erinnern als an diese ersten sechs Wochen meiner Suche, da ich, scheinbar endlos und vergeblich, Tag für Tag erst einmal die Bewegung jedes einzelnen Sklavenschiffes auf jeder seiner Fahrten aussondern und zusammenstellen mußte. Ich studierte Karton für Karton, Aktenordner für Aktenordner die alten Papiere, in denen die Reisen von Tausenden von Sklavenschiffen von England nach Afrika, dann nach Amerika und wieder zurück verzeichnet waren.

Eine wahrhaft enervierende Arbeit! Meine Frustration wuchs in dem Maße, wie ich feststellen mußte, welche Bedeutung für die meisten Beteiligten zu jener Zeit der Sklavenhandel hatte: nämlich eine Art riesiger Industrie, so wie der Ankauf, Verkauf und Transport von Vieh heutzutage. Viele dieser Berichte schienen seit der Zeit ihrer Ablage nie wieder geöffnet worden zu sein. Anscheinend hatte niemand mehr das Bedürfnis empfunden, sie durchzugehen.

Ich hatte noch nicht ein einziges Schiff gefunden, das von Gambia nach Annapolis gefahren war, als ich in der siebten Woche, an einem Nachmittag etwa um halb drei, das genau 1023. Aktenblatt dieser Listen von Sklavenschiffen in die Hände bekam. Es war ein großes rechteckiges Blatt, das von etwa dreißig Schiffen die ein- und ausgehenden Bewegungen im Gambia-Fluß in der Zeit von 1766 und 1767 enthielt. Ich ging die Liste durch, bis meine Augen Schiff Nr. 18erreichten. Fast mechanisch prüfte ich die verschiedenen Daten der Eintragungen.

Am 5. Juli 1767 - das war das Jahr, "da die Soldaten des Königs kamen" - hatte ein Schiff namens "Lord Ligonier" mit dem Kapitän Thomas E. Davies den Gambia-Fluß verlassen - Bestimmungshafen Annapolis . . . Ich weiß nicht, warum - aber seltsamerweise stellte sich diesmal meine gefühlsmäßige Reaktion auf das Gelesene erst mit gehöriger Verzögerung ein.

Ich erinnere mich, daß ich die Information fast gleichgültig niederschrieb, zu meinen Aufzeichnungen legte und nach draußen ging. Um die Ecke befand sich eine kleine Teestube. Ich betrat sie und bestellte dort Tee und Kuchen.

Dann, als ich so da saß und an meinem Tee nippte, überfiel es mich schlagartig, daß möglicherweise genau dieses Schiff Kunta Kinte nach Amerika gebracht haben könnte.

Ich schulde der Dame aus der Teestube noch immer das Geld für den Tee und den Kuchen. Ich telefonierte sofort mit dem Büro von Pan American und buchte den letzten Platz dieses Tages nach New York. Es blieb nicht einmal genügend Zeit, zu meinem Hotel zu fahren. Ich rief dem Taxichauffeur zu:
"Nach Heathrow, zum Flughafen!"

Während des Nachtflugs über den Atlantik fand ich keinen Schlaf. Immer wieder sah ich jenes Buch in der Bibliothek des Kongresses in Washington D. C. vor mir, das ich unbedingt ein zweites Mal zur Hand nehmen mußte. Es hatte einen hellbraunen Einband, mit etwas dunkleren braunen Buchstaben -"Schiffsbewegungen im Hafen von Annapolis", von Vaughan W. Brown.

Von New York flog ich mit einer Maschine der Eastern-Air-Lines nach Washington. Ich raste mit dem Taxi zur Bibliothek des Kongresses, bestellte das Buch, riß es dem jungen Mann, der es mir brachte, förmlich aus der Hand und begann es zu durchfliegen -und da stand es schwarz auf weiß, die Bestätigung!

Die "Lord Ligonier" war von den Zollbeamten in Annapolis am 29. September 1767 abgefertigt worden.

Ich mietete mir einen Wagen, eilte nach Annapolis, ging in das Mary-land-Archiv und bat die Archivarin Mrs. Phoebe Jacobsen um Kopien der örtlichen Zeitungen, die um die erste Oktoberwoche 1767 erschienen waren. Alsbald brachte sie eine Mikrofilmrolle der Maryland Gazette herbei. Im Wiedergabegerät hatte ich fast die Hälfte der Ausgabe vom 1. Oktober abgespult, als ich plötzlich eine Anzeige in altertümlichen Lettern vor mir sah:

"SOEBEN EINGETROFFEN mit dem Schiff Lord Ligonier, Capt. Davies, vom Gambia-Fluß, Afrika, steht für die Abonnenten in Annapolis gegen Barzahlung oder anerkannte Sichtwechsel am Mittwoch, den 7. Oktober, zum Verkauf eine Ladung AUSGEWÄHLTER GESUNDER SKLAVEN.

Besagtes Schiff wird als Rückfracht nach London Tabak zum Vorzugspreis von 6 Shilling die Tonne mitnehmen." Unterzeichnet war die Anzeige von John Ridout und Daniel von St. Thos Jenifer.

Am 29. September 1967 hatte ich das Gefühl, an keinem anderen Ort der Welt sein zu dürfen als am Pier von Annapolis - und so stand ich da, auf den Tag genau zweihundert Jahre, nachdem die "Lord Ligonier" dort gelandet war. Und als ich über das Meer schaute, über das man meinen Ur-ur-ur-ur-Großvater einst herbeigeschafft hatte, fand ich mich abermals in Tränen.

Das 1766/67 im James-Fort im Gambia-Fluß zusammengestellte Dokument hatte auch erwähnt, daß im Laderaum der "Lord Ligonier" einhundertvierzig Sklaven befördert worden waren. Wie viele mochten die Schiffsreise überstanden haben?

Bei einem zweiten Besuch im Maryland-Archiv versuchte ich, eine Urkunde über die Ladung des Schiffes bei seiner Ankunft in Annapolis zu finden - und ich entdeckte, niedergeschrieben in altmodischer Handschrift, folgende Inventarliste: "3265 Elefantenzähne, 3700 Pfund Bienenwachs, 800 Pfund Rohbaumwolle, 32 Unzen Gold aus Gambia - und 98 Neger." Die Verlustquote von zweiundvierzig Afrikanern auf der Reise, also gut einem Drittel, war Durchschnitt bei diesen Sklaventransporten.

Im Laufe der Zeit wurde es mir bewußt, daß Großmutter, Tante Liz, Tante Plus und Cousine Georgia auf ihre Weise ebenfalls griots gewesen waren. Meine Notizbücher enthielten ihren jahrhundertealten Bericht von unserem Afrikaner, der an "Masser John Waller" verkauft und mit dem Namen "Toby" belegt worden war. Bei seinem vierten Fluchtversuch hatte er, in die Enge getrieben, einen von den beiden berufsmäßigen Sklavenhäschern, die ihn schließlich gefangen nahmen, mit einem Stein verletzt. Dafür hatten sie ihm den halben Fußabgehackt. "Masser Johns Bruder, Dr. William Waller" hatte das Leben des Sklaven gerettet und ihn dann, empört über die Verstümmelung, seinem Bruder abgekauft. Ich wagte zu hoffen, daß auch darüber irgendeine Urkunde existieren mochte. So reiste ich nach Richmond, Virginia. Ich arbeitete mich durch einen Wust von alten amtlichen Niederschriften aus Spotsylvania County, Virginia, nach der Landung der "Lord Ligonier" im September 1767. Nach einiger Zeit fand ich eine ausführliche, vom 5. September 1768 datierte Urkunde, wonach John Waller und seine Frau Ann Ländereien und Güter, einschließlich 240 Morgen Ackerland auf William Waller übertragen hatten - und dann auf der zweiten Seite: "sowie einen männlichen Negersklaven mit Namen Toby".

Mein Gott!

In den zwölf Jahren seit meiner Begegnung mit dem Stein von Rosette bin ich, nach meiner Schätzung, fast eine halbe Million Meilen gereist. Ich habe nachgeforscht, Material gesichtet, überprüft, die Gegenprobe gemacht und dabei nach und nach herausgefunden, daß die mündlich überlieferten Berichte der verschiedenen Personen sich nicht nur als hieb- und stichfest erwiesen, sondern auch den Zusammenhang zwischen beiden Seiten des Ozeans richtig herstellten. Schließlich mußte ich mir weitere Nachforschungen ernstlich versagen, um endlich mit der Niederschrift dieses Buches beginnen zu können.

Um die Kindheit und Jugend Kunta Kintes zu erkunden, brauchte ich eine lange Zeit. Nachdem ich mit ihm vertraut geworden war, litt ich leibhaftig unter seiner Gefangennahme. Als ich dann mit dem Versuch beginnen wollte, seine eigene beziehungsweise die Überfahrten all dieser von Gambia kommenden Sklavenschiffe zu beschreiben, flog ich nach Afrika. Ich verhandelte mit den verschiedensten Schifffahrtslinien, um eine Passage auf dem erstbesten Frachter zu bekommen, der von irgendeinem schwarzafrikanischen Hafen direkt in die Vereinigten Staaten fuhr. Es ergab sich, daß das die der Farrell-Linie angehörende "African Star" war.

Als wir in See stachen, erklärte ich, was mir, wie ich hoffte, würde helfen können, die Überfahrt meines Vorfahren nachzuvollziehen. Nach jedem Nachtessen kletterte ich über nicht enden wollende Eisenleitern in die Tiefe des dunklen, kalten Laderaums. Ich zog mich bis auf die Unterwäsche aus, legte mich auf die rohen Planken und zwang mich, dort alle zehn Nächte der Überfahrt zu verbringen. Dabei versuchte ich mir vorzustellen, was er gesehen, gehört, gefühlt, geschmeckt oder gerochen haben mochte -und darüber hinaus, was er gedacht haben könnte. Meine Überfahrt war natürlich auf geradezu lächerliche Weise komfortabel, verglichen mit der gräßlichen Prüfung, der Kunta Kinte, seine Gefährten und all die anderen Tausende ausgesetzt waren.

Sie mußten angekettet in ihrem eigenen Dreck daliegen, geschüttelt von Angst und Entsetzen, und das für fast achtzig bis neunzig Tage, an deren Ende neue seelische und körperliche Schrecken auf sie warteten. Aber irgendwie brachte ich die Geschichte dieser Überfahrt zu Papier - aus der Perspektive der menschlichen Fracht.

Schließlich habe ich alle unsere sieben Generationen in dieses Buch mit hineinverwoben, das nun in Ihrer Hand liegt. In den Jahren der Niederschrift habe ich vor vielen Zuhörern auch darüber gesprochen, wie WURZELN langsam Gestalt annahm. Natürlich bin ich dann und wann gefragt worden:
"Wieviel von Ihrem Buch ist Tatsache, und wieviel ist Dichtung?" Nach bestem Wissen und Gewissen - alle Angaben über die Abstammung in WURZELN beruhen auf der sorgfältig bewahrten mündlichen Überlieferung entweder meiner afrikanischen oder meiner amerikanischen Vorfahren. Vieles davon konnte ich auf die gängige Weise dokumentarisch belegen. Diese Beweisstücke, zusammen mit den vielen tausend Einzelheiten über die Lebensweise der Eingeborenen zu ihrer Zeit, über die kulturgeschichtlichen Hintergründe und all das andere, was WURZELN erst in seiner Gesamtheit die richtige Gestalt gibt, sind das Ergebnis jahrelangen, intensiven Forschens in nahezu fünfzig Bibliotheken, Archiven und sonstigen Quellensammlungen auf drei Kontinenten.

Da ich ja selbst noch nicht lebte, als das meiste der Geschichte geschah, ist notwendigerweise der überwiegende Teil der Dialoge und des Erzählten eine romanhafte Mischung einmal von Begebenheiten, von denen ich genau weiß, daß sie sich ereignet haben, mit, zum anderen, solchen, von denen ich nach meinen Untersuchungen annehmen darf, daß sie sich so abgespielt haben.

Ich denke jetzt, daß nicht nur Großmutter, Cousine Georgia und die anderen alten Damen "über mir wachten", sondern auch alle übrigen: Kunta und Bell, Kizzy, Hühner-George und Matilda, Tom und Irene, Großvater Will Palmer, Bertha, meine Mutter - und nunmehr derjenige, der sich als letzter mit ihnen vereinigt hat, Vater ...

Er war dreiundachtzig. Als wir, seine Kinder George, Julius, Lois und ich, über die Beisetzungsfeierlichkeiten zu reden begannen, kam jeder einzelne von uns zu dem Ergebnis, daß Vater ein erfülltes und ein reiches Leben gelebt hatte, jedenfalls in der Weise, wie er selbst Reichtum zu interpretieren pflegte. Außerdem war er schnell dahingegangen, ohne leiden zu müssen. Und da wir alle Vater nur zu gut kannten, stimmten wir auch darin überein, daß er kaum gewünscht haben konnte, uns weinen zu sehen. So beschlossen wir, daß wir nicht weinen würden.

Ich war so erfüllt von Erinnerungen, daß es mich unangenehm berührte, dem Leichenredner von unserem Vater als von dem "Verstorbenen" reden zu hören, um den herum es doch eigentlich selten wehmütig zugegangen war. Kurz vor der ersten Trauerfeier, die für ihn in einer von Angehörigen und Freunden dichtgefüllten Kapelle in Washington D. C. abgehalten wurde, erklärte mein Bruder George dem verantwortlichen Geistlichen, daß wir Söhne im geeigneten Augenblick gern einige Erinnerungen an Vater mit den Anwesenden teilen würden.

Nach einem kurzen Gottesdienst herkömmlicher Art sangen wir ein Lieblingslied von Vater. Dann erhob sich George und trat nahe zu dem offenen Sarg. Er erzählte, wie lebhaft er sich daran erinnerte, daß - wo auch immer Vater lehrte - wir in unserem Haus mindestens einen Jungen aufgenommen hatten, dessen auf dem Land lebende Eltern erst von unserem Vater hatten überredet werden müssen, ihren Sohn aufs College zu schicken, wobei der Protest "aber wir haben kein Geld" einfach dadurch beiseite geschoben wurde, daß Vater erklärte: "Er wird bei uns leben!" Mit dem Ergebnis, daß es nun im ganzen Süden an die achtzehn landwirtschaftliche Kreisbeauftragte, Rektoren von höheren Schulen und Lehrer gab, die sich stolz "Prof Haleys Jungens" nannten. George erwähnte auch, wie unmutig Vater sich in seinen späteren Jahren darüber geäußert habe, daß wir keine jährlichen großen Familientreffen veranstalteten, wie er das gern gesehen hätte. So bat er die Zuhörerschaft, mit uns in Gedenken vereint jetzt ein Treffen für Vater und mit ihm zusammen abzuhalten. Als George seinen Platz wieder eingenommen hatte, stand ich auf, ging hinüber, betrachtete Vater und sagte, daß ich als der Älteste noch viel weiter zurückliegende Ereignisse aus dem Leben des dort liegenden Verstorbenen kannte. Zum Beispiel: Der erste deutliche Eindruck meiner Kindheit von Liebe, als ich sah, wie sich Vaters und Mutters Blicke über dem Klavier trafen, wenn Mutter irgendeine kleine Einleitung zu spielen hatte und Vater danebenstand, um auf den Einsatz für sein Kirchenlied zu warten. Eine andere frühe Erinnerung: Wie ich immer einen Groschen oder sogar einen Fünfziger von Vater ergattern konnte, selbst in den schlechtesten Zeiten; ich brauchte ihn bloß allein zu erwischen und zu bitten, er solle mir von den Kämpfen seiner AEF 92. Division und seinem 366. Infanterie-Regiment im Argonner Wald und an der Maas erzählen.

Im September 1916 war Vater aufs College zurückgekehrt. Er bekam gute Noten, die ihm später ein Graduierten-Stipendium eintrugen, errang die Magisterwürde und wurde schließlich Professor.

Im Flugzeug überführten wir Vaters Leichnam nach Arkansas, wo sich bei einer zweiten Feier seine Freunde von der Universität in Pine Bluffs und aus der ganzen Umgebung versammelten. Hier hatte Vater als Dekan der Landwirtschaftlichen Fakultät bald vierzig Jahre gewirkt.

Wie er sich gewünscht haben würde, fuhren wir ihn durch das Campus und zweimal jene Straße entlang, wo ein Straßenschild in der Nähe des Landwirtschaftlichen Seminars seit seiner Pensionierung seinen Namen trägt: "S.A. HaleyWeg". Nach dem letzten Gottesdienst brachten wir Vater dorthin, wo er beigesetzt werden wollte - auf den Veteranenfriedhof von Little Rock. Wir folgten ihm bis in die 16. Sektion, und wir standen da und schauten zu, wie sein Sarg in das Grab Nr. 1429 versenkt wurde. Dann gingen wir, seine Kinder - Mitglieder der siebten Generation seit Kunta Kinte - schnell davon. Wir verbargen unsere Gesichter voreinander, denn wir hatten ja ausgemacht, daß wir nicht weinen würden. So hat nun Vater seinen Platz bei den anderen da oben eingenommen.

Ich fühle, daß sie zuschauen und uns leiten. Und ich weiß, sie teilen meine Hoffnung, daß dieser Bericht über Menschen wie uns mithelfen mag, das Vermächtnis der Tatsache zu erleichtern, daß Geschichte sonst vorwiegend geschrieben wird von den Siegern."

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